COBYN

AUF DER FLUCHT

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Ich wohne beim Wiener Hauptbahnhof und da hat sich einiges verändert in den letzten Wochen. Vor meinem Haus, vis à vis vom Bahnhof, eine kleine Gasse, zählen zwei Männer einen Bund 100 € Noten, als sie mich sehen, ergreifen sie die Flucht und rennen bei Rot über die befahrene Straße.

Ich nehme an, es handelte sich um Schlepper, die ihren Gewinn rasch teilen oder zählen wollten, bevor sie in dem Wirrwarr untertauchen, der im Moment in Europa und am Bahnhof herrscht.

Die Idee, Grenzen zu öffnen, ohne Kontrolle, war eine dumme, eine sehr dumme, niemand kann sagen, wie viele Menschen nun tatsächlich in die EU eingereist sind, noch woher sie kommen und vor allem: was ihr Ziel ist. Der Großteil sucht Schutz vor Verfolgung in ihren Heimatländern, ihre Familien wurden weggebombt oder massakriert. Der Krieg in Syrien dauert nun schon über viereinhalb Jahre und das Monster Baschar al-Assad hat es geschafft, dank Putin aus den Weltnachrichten zu verschwinden, die Ukraine-Krise war Thema, nicht Fass und Streubomben, die der syrische Diktator gegen die eigene Bevölkerung einsetzte. Europa hatte andere Sorgen: die Krim, die Ukraine und dann Griechenland.

Ein Geheimdienstmitarbeiter, mit dem ich geheim gesprochen habe, gibt zu bedenken, dass nicht jeder der vielen Hunderttausenden wirklich nur scharf auf Asyl ist. Drogen und Waffen werden geschmuggelt in Babywindeln, oder ganz einfach im Rucksack, dutzende terroristische Schläfer verteilen sich auf ganz Europa, es ist nur eine Frage der Zeit, wann und wo diese Schläfer erwachen. Saudi-Arabien, Kuwait, Bahrain, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate haben bisher keine syrischen Flüchtlinge aufgenommen, mit der Begründung, es könnten Terroristen darunter sein.

Europa war da nicht so kleinlich und streitet lieber über Quoten, ein deutscher Bürgermeister ist zum Tausch bereit, er nimmt syrische Flüchtlinge auf und fordert im Gegenzug die Ausweisung von Wirtschaftsflüchtlingen aus Rumänien. Ein merkwürdiger Tausch, immerhin geht es um Menschen, aber wo sind die Grenzen und wie will man Millionen in Europa integrieren. Dass Syrer als eher gemäßigte Muslime eingeschätzt werden, ist ein schwacher Trost, und noch eine Parallelgesellschaft verkraftet Europa wahrscheinlich nicht. Polen, Tschechien und Ungarn sind ganz klar gegen die muslimische Invasion. Die neunte Sinfonie von Beethoven, mit der Textzeile von Friedrich Schiller „Alle Menschen werden Brüder“ (und Schwestern), ein frommer Wunsch, der am Menschen selbst scheitert, da ist der Neid, die Gier, die Habsucht und letztendlich auch die Religion, aber nicht nur die christliche.

Am Bahnhof stehen Menschen, auf der Flucht, Schlange vor dem Ticketbüro der ÖBB, um eine Fahrkarte nach München zu ergattern. Über hundert Euro kostet die einfache Fahrt, Deutschland ist Destination Nummer eins der meisten, sie sind der Meinung, Angela Merkel hat sie persönlich eingeladen. Ein Trugschluss, wie sie bald merken werden. Wer das Geld nicht hat, landet in den Katakomben des neuen Bahnhofes. Abgeschirmt und versteckt von der Öffentlichkeit, erlebte ich einen Abend, an den ich mich noch lange erinnern werde. An die 800 Menschen sind hier vorübergehend untergebracht, meist junge Männer im Alter von 18 bis 30 Jahre, aber auch viele Frauen mit Kindern. Ihnen sieht man am meisten die Strapazen der letzten Monate an. Ihre Blicke richten sie ins Leere, doch manchmal wird ihnen auch bewusst, das Ziel bald erreicht zu haben und sie lächeln müde. Viele haben sich in ein Zelt oder in einen Schlafsack verkrochen, der Abend ist kalt, es regnet. Nun sind sie sicher, können sich endlich ausruhen. Vereinzelt spielen Kinder mit gespendeten Spielsachen, manche lächeln, einige weinen, manche liegen auch nur da.

Ich versuche, mich mit einigen Männern zu unterhalten, doch viele sprechen kein Englisch und ich kein Arabisch, ich möchte mehr erfahren, von ihrem Schicksal, das sie immerhin aus den Fängen des Krieges nach Wien gebracht hat, um von hier aus ein neues Leben zu starten. Einer sagt mir, dass nicht alle, die Syrien als Heimatland angeben, auch wirklich Syrer sind. Natürlich versuchen Menschen, denen das Arm sein am Sack geht, dies endlich zu ändern und tauchen ein in den Flüchtlingsstrom. Doch wen kümmert das an diesem feuchtkalten Septemberabend.

Unter den vielen Helfern, die vor Ort waren, bildete sich eine Art Hierarchie, die nicht nur ich zu spüren bekam. Wer ich bin und was ich hier mache, wurde ich ständig von jungen Leuten in orangefarbenen Sicherheitswesten gefragt, auf den Namensschildern stand Steffi, Heinz oder Kurt, und diese Steffi hat sich kurzerhand zur Pressesprecherin befördert und mir das Fotografieren untersagt. Nun, ich fotografierte niemanden, mit dem ich nicht auch gesprochen habe, und fragte auch immer um Erlaubnis, also war mir Steffi sehr egal. Drei Studenten haben irgendwo eine Fritteuse geschnorrt und von der Firma McDonald unbürokratisch 60 Kilo Pommes geschenkt bekommen. Als sie sich ans Werk machten, die Kartoffel zu frittieren und zu verteilen, kam wieder eine „Steffi“, die das verhindern wollte, warum, war mir nicht ganz klar und den Studenten auch nicht, offenbar wieder nur ein Kompetenzstreit, Pommes Frittes mit Ketchup und Mayonnaise gab es trotzdem, ganz gleich, ob es Steffi passte oder nicht.

Da ich beim Bahnhof wohne, ging ich noch mal nach Hause und packte meinen halben Kleiderschrank in schwarze Plastiktüten – alles gereinigt und gebügelt – und brachte sie zur Kleiderannahmestelle. Dort aber war plötzlich niemand zuständig für meine Hugo Boss Pullover, ich ließ die Tüten einfach stehen, irgendwer hat sicher Interesse an warmer Kleidung.

Flüchtlinge kannte ich bisher nur aus dem Fernsehen, ganz weit weg waren sie und ihr Leiden, ihre Not, ihr Sterben, und plötzlich standen sie vor meiner Haustüre. Die Situation ändert sich fast täglich und eine Lösung, nicht nur in der Konfliktregion, ist noch lange nicht in Sicht. Die einen sind für Diplomatie, die anderen für militärische Mittel, doch beides ist in diesem Geflecht an unterschiedlichen Interessen schwierig. Alles eine harte Prüfung, auch für Europa, nun geht es nicht um krumme Gurken oder Subventionen an Bauern, die gar keine brauchen, Millionen Menschen brauchen ein sicheres Leben, jetzt.

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1 Comment

  1. Karin Wolf

    7. Oktober 2015 at 12:10

    endlich mal werden Fakten aufgezeigt, spannend geschrieben

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