KULTUR

THE ARTIST’S LIFE: Darf ich um diese Kunst bitten?

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„Seit die Kunst nicht mehr die Nahrung der Besten ist, kann der Künstler seine Talente für alle Wandlungen und Launen seiner Phantasie verwenden. Alle Wege stehen einem intellektuellen Scharlatanismus offen. Das Volk findet in der Kunst weder Trost noch Erhebung. Aber die Raffinierten, die Reichen, die Nichtstuer und die Effekthascher suchen in ihr Neuheit, Seltsamkeit, Originalität, Verstiegenheit und Anstößigkeit.

Seit dem Kubismus, ja schon früher, habe ich selbst alle diese Kritiker mit zahllosen Scherzen zufriedengestellt, die mir einfielen und die sie um so mehr bewunderten, je weniger sie ihnen verständlich waren.
Durch diese Spielereien, diese Rätsel und Arabesken habe ich mich schnell berühmt gemacht. Und der Ruhm bedeutet für den Künstler: Verkauf, Vermögen, Reichtum. Ich bin heute nicht nur berühmt, sondern auch reich. Wenn ich aber allein mit mir bin, kann ich mich nicht als Künstler betrachten im großen Sinne des Wortes. Große Maler waren Giotto, Titian, Rembrandt und Goya. Ich bin nur ein Spaßmacher, der seine Zeit verstanden hat und alles, was er konnte, herausgeholt hat aus der Dummheit, der Lüsternheit und Eitelkeit seiner Zeitgenossen.”

– Pablo Picasso, 2.5.1952

Es gibt da diese Momente im Leben, da schießen einem plötzlich neue Ideen und Gedanken durch den Kopf, die einen vor lauter Euphorie regelrecht platzen lassen. Dieser Gedanke, seinem geregelten, finanziell absichernden Arbeitsalltag zu entfliehen und in einer Tätigkeit aufzugehen, die einen vollends erfüllt, klingt einfach zu perfekt. Ich hatte wohl diesen Moment irgendwann zwischen meiner Zeugung und dem Zeitpunkt, als ich die Welt zum ersten Mal erblickte. Ich schreibe, ich verbringe meine Freizeit gerne in der Dunkelkammer und wenn die Zeit es erlaubt, vergreife ich mich auch mal an irgendeinem Instrument. Doch die Regie und das schreiben von Drehbüchern sind wohl meine zwei größten Leidenschaften. Nein, Moment mal. Fotografie. Die Fotografie ist meine große Leidenschaft. Oder die Rettung der Welt. Manchmal bin ich froh, wenn ich es morgens unbeschadet in die Küche schaffe, um mir einen Kaffee aufzusetzen.

In den letzten Jahren habe ich so einiges gemacht. Werbung, Musikvideos, Kurzfilme und vieles mehr. Irgendwann merkte ich allerdings, dass mich das nicht so recht erfüllt. Falls es manche von euch noch nicht bemerkt haben; wir leben in einer kapitalistisch angehauchten Gesellschaft, was ja einem Künstler eigentlich zu Gute kommen müsste, wenn man sich Pablos Worte, welche es übrigens ziemlich auf den Punkt bringen, verinnerlicht. Ich persönlich habe sehr lange gebraucht, um das zu verstehen. Wobei das auch nicht so ganz richtig ist. Verstanden habe ich das bereits in meiner Jugend. Es hat allerdings sehr lange gedauert, bis ich mir selbst auf sehr schmerzhafte Weise vor Augen führen musste, dass es absolut keinen Sinn macht, mich gegen dieses System zu wehren. Fakt ist, ich habe all diese Arbeit nur getan, um mein Gewissen zu beruhigen. Ich habe etwas getan, doch geschaffen habe ich so ziemlich gar nichts.

Aber was genau heißt das eigentlich, zu schaffen? Was ist Kunst? Lasst uns mal ein paar allseits (un)bekannte Floskeln in den Raum werfen. Ich hab da mal etwas Schönes gehört. Künstlerisch tätig zu sein bedeutet, seinen Geist frei zu entfalten. Aus rechtlicher Sicht bedeutet dies, dass weder der Staat noch Einzelpersonen auf die künstlerische Tätigkeit einwirken dürfen, indem sie den Künstlern bestimmte Stilrichtungen oder Inhalte vorschreiben oder andere unterdrücken. So gesehen darf jeder Mensch künstlerisch aktiv werden und seine Werke der Öffentlichkeit darbieten. Dieses Recht auf Kunstfreiheit ist aber nicht grenzenlos. Ihre Grenzen liegen da, wo Grundrechte anderer Menschen verletzt, oder die demokratische Ordnung, oder aber der öffentliche Friede gefährdet werden.  Problematisch kann es dann werden, wenn es um politische, realistische, historische oder dokumentarische Kunst geht, die Fakten und Fiktionen vermischt und den Zuhörer, Zuschauer, Leser, oder Besucher über den Anteil an Realitätsentsprechungen täuscht oder seine Gefühle und Phantasien in eine einseitige Richtung lenkt. Schriftsteller z.B. können infolge ungenügender Recherchen und undifferenzierter Analysen Zusammenhänge falsch darstellen und unnötig provozieren und polarisieren. Das bringt uns unweigerlich zu dutzenden weiteren Fragen, denn sieht man sich etwas um, so wird man feststellen, dass die Staatsoberhäupter einiger Länder dies nicht so herzlich annehmen. Schon in der Vergangenheit gab es Künstler die aus ihrer Heimat geflohen sind, weil ihr Schaffen dem eigenen Heimatland gegenüber als Hetze, ja gar als Verrat gegolten hat. Karikaturisten sind da vermutlich das beste Beispiel. Damals wurde man gehängt. Und heute eigentlich auch.

Kunst ist eines der wichtigsten Ausdrucksmittel. In der jetzigen Zeit mehr denn je, wie ich finde. Klar, es gibt Aktivisten, humanitäre Bewegungen und NGO’s, die sich für das Gute einsetzen. Wenn man tief gräbt finden sich sogar ein paar Politiker, die nicht ausschließlich die eigenen, oder die Interessen der oberen 10.000 verfolgen. Und dennoch, Kunst war, ist und wird immer das stärkste aller Ausdrucks- und Druckmittel sein. Kunst ist allgegenwärtig. Und dank sozialer Medien verbreiten sich Nachrichten wie im Lauffeuer. Nicht selten hat diese Technologie dazu beigetragen, dass die ein oder andere Regierung dank Massen an im Internet umherfliegender Proteste dazu gezwungen wurde, ihre Entscheidungen zu überdenken, oftmals zum großen Glück der Bevölkerung.

Kunst ist etwas wunderbares. Sie verzaubert. Sie beflügelt. Sie regt zum Denken an. Und zu den vorhin angesprochenen dutzenden Fragen kommen viele weitere hinzu, wie ob Kunst nur dann Kunst ist, wenn sie einen finanziellen Wert hat. Oder ob Kunst nichts anderes kann, als zu polarisieren. Und je länger der Abend und der Magen mit immer mehr Bier gefüllt werden, gesellen sich weitere Fragen dazu, wie ob man überhaupt nicht nur Künstler ist, weil man eh nix anderes kann? Ob man überhaupt als Künstler überleben kann in der heutigen Zeit? Ob das Arbeitsamt des Künstlers einziger Langzeitarbeitgeber ist? Und warum Kunst eigentlich staatlich gefördert wird, während andere sich für einen Hungerlohn den Arsch aufreißen müssen? Ja, gut. Wir kennen alle diese glorreichen, tief philosophisch angehauchten Abendrunden, die zum Leid aller anderen Anwesenden, den Lokalbesuchern einen tinnitusähnlichen Hirnkollaps zuführen.

Ich versuche es mal etwas klarer zu formulieren. Vollkommen gleich ob Musik, Dichtung, Theater oder abbildende Kunst, im Prinzip ist jede Kunstform für weniger kunstinteressierte Menschen dann schön, wenn sie hauptsächlich das Gefühl anspricht. Mit abstrakter Kunst werden sie sich kaum anfreunden. Modernisten hingegen werden diese gefühlsbetonte Kunst eher als Kitsch abstempeln. Ihnen gefällt Kunst, die überwiegend den Verstand anspricht und fordert. Und hier stellt sich dann allerdings wieder die Frage, welche Art von Kunst in wessen Augen welche Art von gesellschaftlichem Mehrwert bietet.

Ziemlich komplexe Geschichte, diese Kunst. Kunst ist die Sprache des Mannes, welcher zu müde ist, sich sprachlich mit den Problemen dieser Welt auseinanderzusetzen. Und daran ist rein gar nichts verkehrt. Vor ein paar Jahren wurde ich gefragt, warum ich diesen Weg gewählt habe. Ich sagte, was ich allen erzähle. Ich liebe meine Arbeit. Das tue ich wirklich. Aber ein Künstler zu sein ist nicht so einfach, wie die meisten Leute es sich vorstellen. Künstler zu sein bedeutet, Teil eines ständigen Kampfes zu sein. Die schöne Seite des Künstlerdaseins allerdings ist, sich nicht nur dann auf das Träumen beschränken zu müssen, wenn man schläft. Und für den Rest meines Lebens kann ich mir nichts Schöneres vorstellen.

Ich wehre mich nicht gegen das System, nein. Ich stemme mich regelrecht dagegen. Und ja, ich weiß, ist alles sehr verwirrend, was ich hier schreibe. Das liegt einzig und allein daran, dass Kunst eigentlich noch viel, viel komplexer ist. Ich glaube, wir werden all diesen Themen auf den Grund gehen müssen, um zu verstehen.

– Dan Valicek –

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1 Comment

  1. Helpwithmath

    23. Mai 2018 at 03:17

    Danke hat geklappthttp://boxermath.com/

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