BÜHNE

Wenn Zeit nicht alle Wunden heilt: „Die Reise der Verlorenen“

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Mit Daniel Kehlmanns „Die Reise der Verlorenen“ feierte das Theater in der Josefstadt am vergangenen Donnerstag (6.9.) nicht nur seine erste Premiere der neuen Spielsaison sondern dramatisierte gleichzeitig auch ein beklemmend aktuelles Thema. Regie bei dem Mammutstück mit 33 Schauspielern und 20 Komparsen führte Erfolgsregisseur Janusz Kica.

ÜBERLEBENS-ROULETTE MIT BITTEREN FOLGEN

Das kleine Papierschiffchen, mit dem kurz zuvor noch zwei elternlose Mädchen auf der MS St. Louis gespielt hatten, tritt Ortsgruppenleiter und Schiffssteward Otto Schiendick (grandios in seiner Rolle: Raphael von Bargen) mit ebenso böser Schikane wie die Besatzung jenes Luxusdampfers, der 1939 von Hamburg aus aufbrach, um 937 deutsch-jüdische Flüchtlinge vor den Gräueltaten der Nationalsozialisten zu retten. Sie denken jetzt „Wie selbstlos“? Mitnichten!

Nicht nur, dass die Überfahrt für jeden einzelnen ein Vermögen gekostet hat, wurde den ohnehin schon ausgebluteten Passagieren auch noch so gut wie jeder Wertgegenstand abgenommen – bis auf einen lächerlichen Bargeldbetrag, mit dem man sich gerade einmal zwei Handtücher kaufen konnte, um auch den letzten Groschen nicht in Nazihand fallen zu lassen. Von Anfang an steht (schon aufgrund der wahren Begebenheit) fest: Dies ist die „Reise der Verlorenen“.

Kehlmanns Stück basiert auf Max Morgan-Witts Buch „Voyage of the Damned„, welches 1976 von US-Regisseur Stuart Rosenberg mit Oskar Werner und Faye Dunaway verfilmt wurde. 1976, 31 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges,  hatte das Thema tragischerweise weniger Realitätsbezug als heute. Und das, obwohl inzwischen knapp 80 Jahre seit Ausbruch des 2. Weltkrieges vergangen sind.

Wir sind die Generation, die Dank ihrer späten Geburt (vor dem Schrecken des Nationalsozialismus) begnadigt wurde, sagt Ortsgruppenleiter Schiendick gleich zu Beginn. Möchte man glauben. Aktueller denn je gestaltet sich jenes großartige Stück, in dem jeder der vielen, großen Josefstadt-Schauspieler zurücktritt und in pausenlosen 110 Minuten das Schicksal jener verzweifelten Menschen aufzeigt, die voller Hoffnung aufbrachen um erst wieder Gefangene des Systems zu werden. Was ironischerweise einen glücklichen Ausgang vortäuscht, ist alles andere als ein Happy End.

MIT VOLLDAMPF INS VERDERBEN

© Walter Vogelweider

Allen voran an Bord des HAPAG-Dampfers das Ehepaar Spanier (Ulrich Reinthaller und Sandra Cervik), welches gutgekleidet in der neuen Heimat an Land gehen will. An Land wird jedoch niemand gehen, weder gutgekleidet noch in Fetzen. Ausgenommen Anwalt Max Loewe (Marcus Bluhm), der sich in Kubas Gewässern von Bord stürzt, nachdem er sich zuvor die Pulsadern aufgeschlitzt hatte. Seine Frau Elise (Maria Köstlinger) will es ihm gleich tun, wird aber von Schiffskapitän Schröder (famos: Herbert Föttinger) abgehalten.

Denn der hat bereits andere Pläne, um den korrupten Politikern zu zeigen wer Macht über Schiff und Besatzung hat. So sehr er seinen Job auch liebt, so selbstlos wird er später handeln, um die Passagiere der St. Louis nicht in Nazideutschland an Bord gehen lassen zu müssen. Auf Grund will er sie fahren vor den Gewässern Englands. Doch es kommt anders als man denkt. So auch in dieser wahren Begebenheit.

Es sei immerhin Aufgabe des Kapitäns, die deutschen Juden gut an Land zu bringen, auch seinen jüdisch stämmigen Schiffskellner Leo Jockl (gespielt von Nikolaus Barton), zu dem er gewisse Sympathien hegt. Der zeigt von Anfang an eine seltsam warmherzige Verbundenheit zu den aus ihrer Heimat vertriebenen Schiffsgästen. Insbesondere zum Hebräischlehrer Aaron Pozner (berührend tragisch: Roman Schmelzer), der bereits im KZ war und flüchten konnte, sich aber durchaus bewusst ist, jederzeit wieder dort zu landen.

Und mal ganz zu schweigen, dass jeder der Passagiere seinen ganzen Besitz und all seine Kraft geopfert hat, um nie wieder nach Deutschland zurück zu müssen. Ironie des Schicksals, dass an dieser Überfahrt nur jene verdienen, die es nicht nötig haben. Weder aus monetären noch aus politischen Gründen.

1939 versus 2018

Und genau hier wiederholt sich die Geschichte und macht das Thema aktueller denn je. Denn auch wie einst die MS St. Louis dürfen heute zahlreiche Flüchtlingsschiffe im Mittelmeer nicht anlegen, um den von Armut und Krieg gekennzeichneten Menschen eine neue Heimat zu geben. Man denke nur an jenes Ereignis des heurigen Sommers, als man europaweit um die Aufnahme der Flüchtlinge der „Aquarius“ gepokert hatte. Damals wie heute geht es alleine um Geld und Macht. 

Wäre da nicht dieser kubanische Dreckskerl von Präsident (Michael Dangl) und sein noch viel skrupelloserer Minister für Einwanderung (bitterböse: Wojo van Brouwer), die mit dem Schicksal der Menschen spielen, als säßen sie beim Roulette. Da kann selbst der gewifte Anwalt des Jewish Joint Distribution Commitee, Berenson (erfrischend bemüht: Claudius von Stolzmann), nichts machen.

Die St. Louis muss kubanisches Gewässer verlassen. Eine jüdische Sängerin (Marika Lichter) verbreitet mit gebrochener Stimme das für immer verlorene Heimatgefühl. Das Spiel der Macht war für Kubas Staatsoberhäupter letzten Endes doch verlockender als der Verdienst. Die Besatzung wird zwar nicht nach Deutschland zurück kehren müssen, so manch einer wäre dennoch lieber tot als lebendig. Auch in guten Kleidern. Man hat mit viel Geld und wenig Hoffnung das eine Übel gegen das andere getauscht. Sterben werden sie dennoch alle. Zwar nicht sofort und nicht in Nazideutschland, dafür in Holland, England und Frankreich, wo man sich schließlich doch noch ihrer erbarmt hat. 

Obwohl man die knapp 110 Minuten beinahe tränenlos übersteht, geht doch jener Schlussmoment, als einige Darsteller an die Bühnenrampe treten und dem Publikum berichten, was aus jedem einzelnen geworden ist, sehr zu Herzen. Max Loewes Frau Elise bringt es so beklemmend-treffend auf den Punkt wenn sie sagt: „Ich hatte Glück. Ich bin gestorben.“

Gab es zwischenzeitlich noch den ein oder anderen Lacher, kehrte spätestens bei den letzten Schlussbildern (Bühne: Walter Vogelweider) Stille und Betroffenheit im Publikum ein. Nach dem Schlussplädoyer des bösen Buben Otto Schiendick, der natürlich auch das letzte Wort in dieser Geschichte haben muss, „denn im Tod sind alle wieder gleich, egal, ob Nazi oder Jude, ob Flüchtling oder machtbesessenes, Wahlen-abhängiges Arschloch. Denn ist erst genug Zeit vergangen….

…endet der Satz genau an dieser Stelle. Man könnte fast meinen, der bitterbös-ironische Menschenverachter hat zuletzt doch die Tragik seiner Aussage erkannt. Hinter ihm eine ausufernde Menschenmenge in modernen Rettungsjacken. History repeated. Was für ein wichtiges Stück!

Das Publikum beschenkte das hochrangige Ensemble mit nicht enden wollendem Applaus. Auch die Komparserie. Zu recht. Und jetzt, wo uns Hausherr Herbert Föttinger, der unaufhaltsame Motor der Josefstadt, noch weitere fünf Jahre als Direktor erhalten bleibt, darf man weiterhin auf ganz großes und topaktuelles Theater hoffen. Vielleicht auch schon bald an einer dritten Josefstadt-Spielstätte, wie der Hausherr kürzlich beim Pressegespräch verraten hat.

Fazit: Ein Theaterabend der nicht nur betroffen macht, sondern auch zum Nachdenken anregt. Das Highlight an diesem Abend sind die Gegenspieler Raphael von Bargen und Herbert Föttinger inmitten eines grandios-selbstdarstellerfreien Ensembles.

Nachtrag: Föttinger hatte im Anschluss die gesamte Regierung zur Premierenfeier eingeladen. Gekommen ist nur Christian Kern. Er hatte wahrscheinlich Zeit. Die anderen nicht einmal kurz, wie ein Schauspieler so schön auf Facebook kommentierte. Statt Premierengeschenken sammelte das Ensemble lieber für wohltätige Zwecke. Bravo! So geht Theater.

 

TRAILER: Jan Frankl

BESETZUNG

REGIE
Janusz Kica

BÜHNENBILD
Walter Vogelweider

KOSTÜME
Alfred Mayerhofer

MUSIK
Matthias Jakisic

DRAMATURGIE
Matthias Asboth

LICHT
Manfred Grohs


OTTO SCHIENDICK: Raphael von Bargen
GUSTAV SCHRÖDER, Kapitän der St. Louis: Herbert Föttinger

LEO JOCKL, Kellner auf der St. Louis: Nikolaus Barton
Dr. FRITZ SPANIER : Ulrich Reinthaller
BABETTE SPANIER, seine Frau: Sandra Cervik

MAX LOEWE: Marcus Bluhm
ELISE, seine Frau: Maria Köstlinger
 AARON POZNER: Roman Schmelzer
OTTO BERGMANN: Matthias Franz Stein
CHARLOTTE, seine Tante: Therese Lohner
 MAX ABER, Hautarzt: Peter Scholz
RENATA & EVELYNE, seine Töchter: Livia Ernst / Leonie Qualtinger & Ilia Hollweg / Lilly Krainz

MARIANNE, ein Flüchtlingskind:
Katharina Hope Kemp / Lara Nguyen

EINE JÜDISCHE SÄNGERIN: Marika Lichter
KONSUL HOLTHUSEN, HAPAG-Direktor: Joseph Lorenz
MORRIS TROPER: Gerhard Kasal
LUIS CLASING, Zweigstellendirektor der HAPAG: Paul Matic
ROBERT HOFFMANN, sein Stellvertreter:
Oliver Rosskopf
                                    LAREDO BRÚ, Präsident von Kuba: Michael Dangl
MANUEL BENITEZ GONZALES, Minister für Einwanderung: Wojo van Brouwer
REMOS, Außenminister von Kuba: 
Martin Zauner
HAUPTMANN GOMEZ:
Ljubisa Lupo Grujcic
MAJOR GARCIA, Polizeichef von Havanna: 
Alexander Absenger

                             Wright, amerikanischer Botschafter in Kuba: Martin Niedermair                                     Berenson, Jewish Joint Distribution Commitee: Claudius von Stolzmann
und viele, viele weitere tolle und wichtige Akteure!

THEATER IN DER JOSEFSTADT
Josefstädter Straße 26
1080 Wien

WEBSITE: www.josefstadt.org
FACEBOOK: www.facebook.com/TheaterinderJosefstadt

WIR VERLOSEN
1×2 Karten für „DIE REISE DER VERLORENEN“ im Theater in der Josefstadt am 07.10.2018

Füllt uns das Gewinnspielformular bis am 03.Oktober 2018 um Mitternacht
mit dem Betreff  „REISE“ aus und erfüllt die Teilnahmebedingungen!

Die Gewinner werden telefonisch oder per Facebook-Nachricht verständigt!

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Das SCHiCK-Magazin-Team wünscht viel Glück!

 

 

 

 

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