KOLUMNE

GASTRO-SPASSMACHER GERHARD BOCEK IST TOT

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Das SCHiCK MAGAZIN ermöglicht ab nun Leserinnen und Lesern ihre Meinung mit einem großen Publikum zu teilen.

Über Gerhard Bocek kann sagen was man will, eines war er auf jeden Fall: sehr sympathisch und immer liebenswürdig. Was viele nicht wissen, er war auch ziemlich großzügig. Ob A, B, oder C-Promi seinen Geburtstag samt Entourage, oder was auch immer feiern wollte, Bocek finanzierte jedes Fest. Einzige Bedingung: die reichen mussten ihre hungrige Visage in Kameras halten. Nun müssen sie sich halt andere Gönner suchen.

Manfred Cobyn

 

SCHiCK-Leserin Gala (45) aus 1030 Wien war 2017 beim berühmten Heringsschmaus im Marchfelderhof geladen. Hier ihre Geschichte:

„Der Himmel voller Geigen“

„Der Heringsschmaus am Aschermittwoch, leitet in unseren Kreisen das Fasten ein. Es ist die Zeit des Innekehrens, Nachdenkens und auf das Wesentliche Besinnen. Manche beginnen diese 40 Tage des Verzichts dann wohl doch nicht so streng. Darunter anscheinend die sich wichtig haltende Prominenz Wiens. Die laute und pompöse Feier wurde mit dem Titel: 104. Künstler-Heringsschmaus geziert und mit einer Kollekte gerechtfertigt.

Geladen wurde im einstmals urtümlichen Marchfelderhof. Dieser ist längst ein kulinarischer Geheimtipp geworden, besucht von allerhand Stars, Politiker und lokalen sowie internationalen Berühmtheiten.

An diesem Abend waren hauptsächlich jene Persönlichkeiten anwesend, die es gewohnt waren, gratis zu speisen und trinken und sich im Blitzlicht der Boulevardpresse zu sonnen.

Meine Wenigkeit musste, dank einer Einladung, ebenfalls nichts zahlen, aber der Ruhm stand mir nicht. Als ich die Pforte des überbordenden Restaurants überschritt, konnte ich mich zuerst gar nicht zurecht finden.  Enge verwinkelte Gänge, voller Menschen und Kellner machten das Interieur unübersichtlich. Die Wände und Decken waren vollgehängt mit allerhand kuriosem Tand und Zierrat.  Unzählige Leuchter auf Tischen und kitschige Lüster verstreuten gedimmtes Licht. Fast meinte ich, in einem zwielichtigen Etablissement gelandet zu sein. Der Besitzer Gerhard Bocek passte in dieses Ambiente, da er wie ein Paradezuhälter, ewig jung geblieben, wirkte.

Doch dieser war kein Macho, sondern ein herzlicher, sehr bemühter Gastgeber. Nur die ausgeschnittenen Fotos aus billigen Illustrierten, geziert mit nackten männlichen Adonis Oberkörper am Damen WC, verstärkten diesen Eindruck.

Nach einer kurzen Ansprache und dem obligatorischen Tusch mit Tschinellen wurde das Herings- und Muschelbuffet eröffnet. Wie erwartet, stürmten jene Leute, die ohne zahlen zu müssen, dort aßen, am schnellsten zum kalten Essen und türmten auf ihre Teller verschiedene Speisen. Am liebsten hätten sie 4 oder 5 Hände, um genug auf ihren Platz bringen zu können, da sie wohl zu faul waren mehrmals zu gehen.

Das Buffet war gut, aber eigentlich kann ich das gar nicht so genau beurteilen, da ich mir noch nie einen Heringsschmaus im Supermarkt gekauft oder wo anders verkostet habe. Vielleicht waren die Qualität und der Geschmack genauso gut, nur wurde nicht aus dem Plastikbecher serviert, sondern auf schönen Platten, verziert mit erlesenen Salaten und Dressings. Ich hoffe, dass sie die unzähligen Bismarckheringe und Co nicht nur umgefüllt haben, da das dann doch nicht ökologisch wäre und den Müllberg vergrößerte.

Um dann die Aufmerksamkeit der illustren Gesellschaft zu erlangen, wurde einfach das Licht ausgeschaltet, man isst sichs ja bekanntlich nicht so gut im Dunklen, um ein Panoptikum an Kunststücke darbietende Künstler anzukündigen. Zuerst Operettengesang, dann Österreichs „größter“ Magier ALADIN, der wahrlich ein Koloss war, und diese Auszeichnung nicht wegen seiner Zauberkünste verdient hatte, verkürzten die Wartezeit auf das anschließende 3 Gänge Menü.

Da ich keine Suppe aß, blieb inzwischen genug Zeit um die unzähligen Antiquitäten an der Decke zu bewundern. Da gab es sicher 100 Ballettschuhe, die zu den Primadonnen dieses Abends passten, oder viele, viele Holzschiffe, die scheinbar einer Flaute aufsaßen. Instrumente ohne Ende: Violinen, Posaunen, Trommeln und die massenhaft riesigen kitschigen Plastikblumen verdienten meine Aufmerksamkeit. Über der Bar zierten, zum Glück, leere Vogelkäfige den Plafond.

Im Sinnieren wurde ich wieder durch das Licht ausschalten und einen Tusch herausgerissen.

Die Hauptspeise: Königslachs, Riesengarnele, Petersfisch und Kabeljau im Mandelhemd mit Zweierlei von der Avocado an Kürbisrisotto, wurde von dem zuvorkommenden Personal serviert. Leider versprach der Name “CAPTAIN’S DINNER DELICIOUS“ viel zu viel, denn der Fisch war trocken, das Hemd eher ein Korsett, das Risotto pampig und die Avocados zu lange gebraten, nur die nicht erwähnte Basilikumsauce war deliziös. Schade, dass das Buffet schon abgetragen war, aber wahrscheinlich hätte ich mich eh nicht getraut, während der Hauptspeise dort Nachschlag zu holen.

Da wurde auch schon wieder die Beleuchtung ausgeknipst, obwohl noch nicht alle ihr Essen ausfassen konnten. Der letzte Kunstpfeifer Wiens, STEFAN FLEISCHHACKER, wurde angekündigt. Als er auftrat mit blauem Tüll und extravagantem Kopfschmuck, machte er das Kabinett der Absurditäten auf der Bühne perfekt. Mich wundert nur, wo Gerhard Bocek diese alten, abgetackelten und wahrscheinlich gestrandeten Existenzen auftrieb, auf jeden Fall passend zu diesem Jahrmarkt der Eitelkeiten.

Der nächste Entertainer  GUNTHER FRANK  intonierte Frank Sinatra und Dean Martin, begleitet von seiner Hammondorgel, die unter anderem Bläser vortäuschte und Geiger simulierte. Dies erinnerte an ein Hotel am Strand in Jesolo, dieser Eindruck wurde auch durch das letzte Lied „griechischer Wein“ verstärkt. Fragwürdig ist nur, ob sich dort Bismarckheringe tummelten. Diese Kombination aus Anlass, Ambiente und Darbietung war dann doch etwas gewöhnungsbedürftig.

Während das Dessert aufgetragen wurde, tanzten auch noch Kinder Boogie Woogie.

Es gab die DESSERTVARIATION: Rhabarberstrudel auf Cocos-Kanarimilch, Waldmeister-Panna-Cotta mit Himbeer-Coulis-Krokant-Mousse à la Toblerone auf Waldbeer-Grand Marnier-Ragout und Amaretto-Tiramisu.

Alles schmeckte nach Fertigprodukten und war, ob den vollen Tellern am Schluss, zu viel des Guten.

Das Fazit: das Essen im Marchfelderhof ist nicht zu empfehlen, aber es war ein sehr vergnüglicher und spannender Abend. Das Potpourri an gebotener Unterhaltung und die sehr spezielle Umgebung, machten die Küche und das Aufmerksamkeit heischenden Publikum wett.“

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