COBYN

HANDYMAN UND FRAU

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Ich habe vor kurzem mein Auto verschenkt, für einen PKW wohne ich zu zentral und habe U-Bahn, Busse, Schnellbahn und noch viel mehr öffentliche Verkehrsmittel quasi vor der Haustüre, aber keinen Parkplatz.

In der Innenstadt bin ich in 6 Minuten, mit dem Auto würde ich mehr als eine halbe Stunde brauchen, ohne jetzt einen Ruheplatz für dieses zu suchen, schon gar nicht zu finden. Praktischerweise hat man mir den Hauptbahnhof fast vor die Nase gebaut, nur ein paar Bäume zu pflanzen hat man vergessen, ein temporärer Weihnachtsbaum für ein paar Wochen ist mir zu wenig. Ich liebe das Leben, wenn es pulsiert und dampft, und bin begeisterter U-Bahnfahrer geworden, beobachte gerne Menschen und male mir ihr Schicksal aus bei unserer Fahrt ins Irgendwo. Ist mein Tagesbefinden schlecht, mache ich mich unsichtbar und starre ins Nichts. Dank meiner Monatskarte kann ich mir das aussuchen, entweder ich schenke Aufmerksamkeit oder keine Beachtung.

Beim Autofahren hatte ich diese Freiheit nicht, im Straßenverkehr herrschen andere Regeln, die meisten notorischen Autofahrer pochen auf ihr alleiniges Recht, im täglichen Stau zur Arbeit, oder nur zum Hofer. Die Vernunft wird beim Aufschließen des Pkw weggeschlossen. Auf der Fahrbahn ist nicht genug Platz für so viele Ichbezogene, und das Fahrzeug mutiert zum Stehzeug, zwangsläufig, auch wenn die Ampel grün leuchtet.

Deshalb war meine logische Konsequenz das Aussteigen aus meiner Karre und Umsteigen auf öffentliche Verkehrsmittel, soll ein anderer damit irgendwo herumstehen.

In der U-Bahn herrscht zwar auch die Selbstsucht, aber wesentlich ungefährlicher als auf der Straße und anders, etwa wenn sich jemand einen Zweiersitz krallt und neben sich seine Tasche „hinsetzt“, egal wie viele Leute stehen müssen. Es wird jeder ganz böse angesehen, der es wagt, sich auf den Sitzplatz der Tasche setzen zu wollen, obwohl diese überhaupt keinen gültigen Fahrausweis hat, womöglich der Besitzer auch nicht. Ich liebe solche perfiden Besitzansprüche und möchte mich immer genau dort hinsetzen, wo die Tasche gerade sitzt. Die Fahrtrichtung spielt dabei keine Rolle.

Viele setzen sich, obgleich sie bis zur Endstation fahren, auf den äußeren Sitzplatz, keine Ahnung warum, vielleicht nur deshalb, um jeden zu hassen, der es wagt, den neben ihnen freien Fensterplatz zu ergattern. Die Blicke in solchen Momenten sind köstlich, zum Glück nicht tödlich. Es gäbe viele Opfer zu beklagen im Wiener U-Bahn-Netz. Natürlich quetsche ich mich mit einem höflichen „Verzeihung“ über sie drüber, um beim Fenster zu sitzen. Immer in der Hoffnung, der Egoist zückt jetzt kein Sturmgewehr und ballert mir all seine Wut ins Herz. Warum sie immer so zornig werden, weiß ich nicht, wahrscheinlich gelebte Selbstsucht, oder einfach nur Dummheit, beides kann ich nicht verstehen.Handy2

Manche packen ihr Mittagessen aus, und wenn ich Pech habe, steht Döner am Speiseplan, und ich hab meistens Pech in dieser Sache. Es gibt Kebab mit „scharf und alles“. Die Hälfte von dem Zeug fliegt auf den Boden, die andere meist in den Mund. Es ist nicht nur ein unappetitlicher Anblick, es stinkt auch furchtbar. Dem Speisenden ist das freilich gleichgültig, er will in vier Stationen satt sein, ob den anderen Fahrgästen schlecht wird, ist ihm wurscht.

Ganz besonders mag ich Öffi-Fahrer mit einem Hündchen, das nur ein wenig kleiner ist als ein Schaf, nur viel mehr sabbert und alles beschnüffeln will, sogar mein Hosenbein. Diese Tierfreunde können gerne meinen Sitzplatz haben, ich stehe lieber als mich abschlecken oder gar beißen zu lassen.

Meine absoluten Lieblinge sind Menschen, die nur auf ihr Handy starren, also fast jeder. Wie hypnotisiert glotzen sie, als würde der Leibhaftige sie in den Bann ziehen, und tippen wie verrückt auf das Ding ein. Manchmal überlege ich, ob sie nicht tatsächlich ferngesteuert werden und sie sind nur noch auf der Welt, um das Smartphone zu tragen, da dieses noch nicht fliegen kann oder selbstständig die U-Bahn-Türe auf und zu bekommt. Manche grinsen dabei wie Zombies, nur dass sie dabei ihre Arme nicht nach vorne strecken und grunzen. Sogar beim Ein- und Aussteigen heben sie ihren Blick nicht, immer wieder erstaunlich, dass sich nicht alle Handybesitzer gegenseitig umhauen oder auf der Rolltreppe zusammenkrachen. Irgendwie finden sie fast immer den Weg, unfallfrei. Vielleicht werden sie sogar schon ferngesteuert?! Bald sitzen sich Freunde in der U-Bahn gegenüber und unterhalten sich via Facebook und lassen niemanden beim Fenster Platz nehmen, da sie in Wirklichkeit gar nicht da sind. Ihr ganzes Sein beschränkt sich nur noch auf den Transport dieses beschissenen Handys von A nach B.

Oh, Station Stephansplatz, ich glaube, ich bin kurz eingenickt und muss nun aussteigen, ich hoffe, ich komme nicht zu spät zu dem Treffen mit meinem Freund, der hat kein Telefon und ich könnte ihm nicht einmal schreiben, dass ich mich um eine Minute verspäte.

Manfred Cobyn

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