COBYN

PROZESSION DER BEGIERDE

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Nun, ich bin von Natur aus neugierig, also warum nicht einmal einen Swingerclub besuchen. Ich machte mich auf und tauchte ein in die scheinbar verruchte Welt der freizügigen Nackerpatzis.

Natürlich war ich sehr aufgeregt, keine Ahnung, was mich da erwarten würde, und so betrat ich schüchtern den Eingang zum vermeintlichen Glück. Eintritt musste ich nicht bezahlen, ich war in hübscher, weiblicher Begleitung.

Männer, die alleine kommen, geben € 36 Eintritt bei der Kassiererin am Eingang ab, sie ist Türsteherin, gleichzeitig auch Barfrau und war sichtlich etwas überfordert. Kaum hat sie ein Getränk ausgeschenkt, läutet es schon wieder an der Eingangstüre. Diesmal begehrte ein etwas angeheiterter Solomann Einlass, den sie aber verwehrte, nicht nur seine Trunkenheit war das Problem, nein, er ist schon einmal unangenehm aufgefallen, und unangenehm auffallen in einem Swingerclub ist keine so gute Idee. Schauen erlaubt, angreifen bitte erst auf Einladung, das ist eines der ungeschriebenen Swingergesetze.

Die Bar erinnerte an ein Wirtshaus, kein Hauch von Lust, wären da nicht überdimensionale goldene Phallusse aufgestellt. Ein paar mollige Herren, die statt eines T-Shirts in einer Art schwarzem Plastikoberteil schwitzten, viel zu eng und eigentlich für stille Erheiterung sorgend, meine Begleitung war derselben Meinung.

Diese Herrschaften kannten sich offenbar und es wurde über ein Fußballspiel diskutiert, bis sie meine Freundin entdeckten. Der Schiedsrichter war plötzlich vergessen und sie hatten nur noch Augen für ihre Oberweite. Natürlich schmeichelt so was, aber die wenige weibliche Konkurrenz bestand aus älteren Muttis, die sich dem Anlass entsprechend in Strapse geworfen hatten, die viel zu rot oder auch viel zu eng waren. Erotische Unterwäsche ist nicht zwangsläufig erotisch, auch wenn Papa das anders sieht. Ein in die Jahre gekommenes Paar saß gelangweilt herum, Mutti gähnte, Vati war ganz aufgeregt, aber ganz sicher nicht vom rosa Schlüpfer seiner Frau, wahrscheinlich bedurfte es ein paar Überredungskünste, um sie in den Club zu bewegen, aber das ist reine Spekulation.

© Manfred Cobyn

© Manfred Cobyn

Nach einem Gläschen Wein machten wir uns auf, die anderen Räume zu erkunden und verirrten uns im halbdunklen Labyrinth. Da gab es ein Spiegelzimmer, eine Hundehütte, ja echt, obwohl Hunde verboten sind, da war auch ein Raum, der an die Praxis eines Frauenarztes erinnert, usw…, natürlich darf das berühmte Andreaskreuz nicht fehlen, also nicht dieses, dass vor Bahnschranken aufgestellt wird, sondern jenes, wo sich interessierte Damen und Herren anketten lassen können, um in Demut zu verfallen, wenn es gefällt, warum nicht.

Nun bleibt so eine Erkundungstour eines neuen Pärchens (Frischfleisch) nicht unentdeckt und eine Traube an Männern folgte uns, logisch, für € 36 wollen sie gefälligst auch was erleben, Fußballergebnisse sind dann doch eher Thema für das „normale“ Stammlokal, hier möchte geswingt werden. Die Szenerie glich einer Fronleichnamsprozession, wir gaben die Richtung vor, die Männer folgten, zum Glück mit Abstand, egal wohin wir uns verirrten. Stoppten wir, stoppten sie auch. „Life of Brian“ von Monty Python schoss mir durch den Kopf, wo die vermeintlich Gläubigen einem Schuh folgten. Das sechste Gebot, „Du sollst nicht die Ehe brechen.“ wurde flugs zum „sexsten“ Gebot ausgelegt, alles Ansichtssache, und vor allem sieht man den Ehering im Halbdunklen sowieso nicht.

In einem kleinen, düsteren Kämmerchen beschlossen wir zu rasten, um ein wenig zu sondieren und den Überblick unserer Verfolger zu bewahren. Im Swingerclub gelten eigene Regeln, swingen muss gelernt werden, aber die nonverbale Kommunikation hat man schnell intus.

Kein einziger Mann wagte, in unsere „Raststation“ einzudringen, ganz brav warteten sie am Eingang, mit heruntergelassener Hose. Ein Winken gilt als Einladung, doch wir wollten niemanden einladen, und nach einiger Zeit verstand das auch der Letzte und packte sein Geschlecht wieder ein.

Nun, sie hätten sicherlich mehr Ausdauer beim Warten bewiesen, aber ein weibliches Stöhnen, irgendwo in den Katakomben der Lust, weckte ihre Aufmerksamkeit der unbefriedigten Begierde, aber auch unsere. Nackte Männer haben wir gesehen, nun wollten wir auch eine nackte Frau sehen, also ab in Richtung Lustgeräusch. Die Herkunft war schnell ausgemacht, mit der Zeit gewöhnt man sich an das schummrige Licht und tatsächlich, eine Frau mit dunklen Haaren und etwas Übergewicht machte es sich auf einem gynäkologischen Stuhl im „Arztzimmer“ gemütlich und gab sich einem halben Dutzend Männern hin, die andere Hälfte wartete brav, bis sie an der Reihe war. Offenbar geben Männer ihr Hirn am Eingang bei der gestressten Barfrau ab und werden zu wild gewordenen Hengsten, ich hatte mal einen Ponyhengst, der wurde auch immer ganz närrisch, wenn er den Geruch einer rossigen Stute in die Nase bekam. Manchmal ist der Gauner ausgerissen und in Richtung Lust galoppiert, ihn wieder einzufangen, ein schwieriges Unterfangen, aber ich habe es immer geschafft, mit dicken Karotten oder harten Salzstangen wurde sein Penis wieder weich.

Der Raum war testosterondurchflutet und Schweiß lag in der Luft, die Frau schrie wie von Sinnen und arbeitete brav die wartende Männerschlange ab, einer nach dem anderen verließ nach einigen Minuten die „Ordination“ in Richtung Dusche. Für diesen Abend waren sie geheilt und eilten befriedigt und sauber nach Hause zu Frau und Kind, oder in die Einsamkeit ihres Lebens zurück.

Ein witziger Abend des Staunens, aber keine schwerwiegenden Abgründe der menschlichen Seele bot sich in dieser Nacht. Sex ist die normalste Sache der Welt, ganz gleich, wo und mit wem man ihn hat, drei oder fünf Partner, das ist doch auch unwichtig, wichtig ist nur, dass alle Beteiligten einverstanden sind und sich an die wenigen Regeln halten. Das wird nicht mein letzter Besuch gewesen sein, wie gesagt, ich bin sehr neugierig.

Manfred Cobyn

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